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Kurzes Tagebuch von den Dreharbeiten zu "School´s Out 2: Die Insel der Angst"
(Der folgende Text war nie zur Veröffentlichung gedacht. Es handelt sich um Notizen, die ich während meines fünftägigen Besuchs bei den Dreharbeiten in der Bretagne im Mai/Juni 2000 gemacht habe. Die meisten Sätze sind nicht ausformuliert, und ich habe der Versuchung widerstanden, sie zu überarbeiten. Niedergeschrieben habe ich meine Impressionen von den verschiedenen Drehorten vor allem deshalb, weil mir nach meinen (weit ausgiebigeren) Besuchen beim Dreh des ersten Films so vieles von damals wieder entfallen war. Ob das Ganze für irgendwen von Interesse ist, weiß ich nicht - möglicherweise ist der Effekt auf einen distanzierten Leser derselbe wie der eines jener berüchtigten Diaabende mit fremden Urlaubsfotos ... Trotzdem viel Vergnügen - KM)
Dienstag, 30.05.2000: Ankunft in der Bretagne nach zwölf Stunden Zugfahrt - die Alternative wären acht Stunden Flug mit zweimal Umsteigen gewesen. Unterwegs beginne ich am Laptop den neunten "Sieben-Siegel"-Band. Thomas, der Fahrer, holt mich am Bahnhof von Quimper ab. Hotel, dann Fahrt zu einem buchstäblichen Märchenschloß, das bizarrer Weise zwischen hohen Palmen steht. (Hier werden diverse Innenräume gedreht, Teile des Kellers und der Trakt der Direktorin.) Alles sehr heruntergekommen. Begrüßung Katharina Wackernagel, Regieassistent Schoko und anderen. Alle warnen mich: Unten im Keller, wo gerade gedreht wird, sind die Decken niedrig, es wimmelt von Spinnen. Szene: Nina, Niklas, Winter und Maria finden die verletzte Monique im Keller des Sanatoriums. In einem halbzerfallenen Gang steht ein Weinregal mit verstaubten Flaschen. Inhalt sieht aus wie Urin, ist aber wohl vergorener Weißwein. Danach mit Regisseur Robert Sigl und Kameramann Sven Kirsten in Roberts Hotelzimmer zum Muster gucken. Habe jetzt seit zehn Stunden nichts mehr gegessen. Sven bringt eine Tonne Gummibärchen mit - Gott sei Dank! Muster sind fantastisch: Nina und Niklas auf Festung; Niklas und Schiffer auf Götzenfelsen; Schiffer trifft Mörder; Nina und Niklas finden geheimen Raum im Keller, treffen dort Maria und Winter; und, besonders, die beiden einzigen Auftritte des Scherenmörders Hagen Dorn - sehr unheimlich.
Mittwoch, 31.05.2000: Acht Uhr aufgestanden. Über Promenade spaziert. Fünf Seiten "Sieben Siegel" Band 9 geschrieben. Bin eine Stunde zu früh. Setze mich an den Strand und lese Seamus Heamys neue "Beowulf"-Übersetzung. Mit Schauspielern zu Chateau K. (Außenansicht des Sanatoriums und diverse Innenräume.) Warte wieder, bis alle geschminkt sind, noch ein paar Seiten "Beowulf". Schaue mir außerdem Drehorte rund um das Schloß, dem Hauptdrehort, an. Dort, wo bald eine wahnsinnige Nonne den augenlosen Leichnam ihres Babys ausbuddeln wird, liegen im Moment noch zwei Kühe und sonnen sich. Eine Stunde fahrt im Kleinbus an die Klippen. Sieben Stunden Dreh in den Steilwänden. Kameramann wird mehrmals mit Sicherheitsleinen abgesichert. Szene: Nina und Niklas treffen Laura. Karin Giegerich im langen schwarzen Mantel geistert über Hügel, steht auf Felsnase. Es wird diesiger, Robert freut sich. Sehr stimmungsvoll. Nachmittags sehr warm, abends eiskalt und windig. Essen: Schokoriegel, Obst und Gebäck, dazu Kaffee und Tee. Aufgerissene Kleidung muß genäht werden. Viel Steadycam-Einsatz. Neun Uhr abends zurück zum Schloß, gegen zehn gibt es "Mittagessen". Robert führt mich durch das nächtliche Schloß, zeigt mir alle Drehorte. Besonders beeindruckend: der Speisesaal, der bis ins Detail meinen Vorstellungen beim Schreiben des Drehbuchs entspricht; der Ausstatter freut sich, als ich es erwähne. Toll auch die beiden Harpunen, die überkreuzt über dem Kamin hängen - die Klapp-Spitzen stammen aus dem neunzehnten Jahrhundert, beide sind rund 15.000 Mark wert. Auch gut: Der schwarze Rollstuhl der Direktorin, so massiv, wie ich zuvor noch keinen gesehen habe. In eines der falschen Bleiglasfenster hat ein Spaßvogel das Gesicht des Regieassistenten mit Sonnenbrille eingearbeitet. Danach Katharina als Nonne (im Rückblick), sehr dramatisch: Stürmt aus Kloster, brüllt: "Wo ist mein Baby? Was habt ihr mit meinem Kind gemacht, ihr Wahnsinnigen!" Den Dialog hat sich Robert einfallen lassen, er stammt wohl aus "Rosemary´s Baby". Als Katharinas Nonnenhaube fortfliegt brüllt sie hinterher: "Und wo ist mein Hut?" Plötzlich Aufregung: Scheinwerfer projizieren den Schatten des Schlosses an die Wolkendecke, hundert Meter hoch. Schade, läßt sich nicht filmen. Weiterer Dreh am Fenster. Kurz vor zwei lasse ich mich von Fahrer Thomas zum Hotel bringen. Während er viel zu schnell durch die Dunkelheit rast, erzählt er mir von dem starken und gefährlichen Wildwechsel auf diesen Straßen - herzlichen Dank! Am nächsten Tag höre ich, daß die Arbeiten noch bis morgens 5.10 Uhr gingen.
Donnerstag, 01.06.2000: Dreh beginnt erst gegen vier Uhr. Vorher besichtige ich mit Robert, Sven und Schoko jene Teile des "Märchenschlosses", in dem das Finale stattfinden wird. Die Szenen im Drehbuch müssen an die örtlichen Gegebenheiten angepaßt werden. Die riesigen Räume mit ihren aufwendigen Täfelungen und Stuckarbeiten sind völlig vergammelt, die meisten Möbel fehlen. Vor einem uralten Klavier steht ein weißer Plastikgartenstuhl aus dem Supermarkt. Beim Dreh wird dies alles durch Antiquitäten ersetzt werden. Außerdem, erzählt mir Robert, wurde ein riesiges indisches Bett gemietet, das ich gleich mit in die Handlung einbeziehe (eines der Mädchen wird sich darunter verstecken). Größtes Problem: Nina muß in dieser Szene das zerkratze Gruppenfoto finden. Aber wie? Sven fällt die Lösung ein - es wird in der Hand der ermordeten Maria liegen. Später, während das Team vor dem Chateau K. eine unheimliche Szene zwischen langen Gassen aus Bettüchern dreht, mache ich am Laptop die nötigen Änderungen, sitze dabei in Räumen, in denen bald gedreht werden wird. Lerne Anne Kanis (Janine) und Friederike Kempter (Cora) kennen; beide sind keine großen Horrorfans, scheinen aber Spaß an den Dreharbeiten zu haben. Szene: Janine rennt mit der Porzellanpuppe mit den ausgestochenen Augen aus dem Hintereingang und eine Außentreppe hinauf. Standfotograf erzählt mir, daß er bislang hauptsächlich für Rosamund-Pilcher-Verfilmungen gearbeitet hat - nettes Kontrastprogramm. Szene: Katharina als Nonne (Rückblick), die in einem Waldstück die Leiche ihres Neugeborenen ausgräbt. Verschlungene Bäume, typischer magischer Wald der Bretagne. Nebelmaschine laufen, alles ist sehr beeindruckend ausgeleuchtet. Als ich mich vom Drehort entferne, um mir beim Chateau einen Kaffee zu holen, dringen Katharinas "wahnsinnige" Schreie aus dem Unterholz. Zum ersten Mal bekomme ich während des Drehs eine Gänsehaut.
Freitag, 02.06.2000: Ich soll gegen 16 Uhr am Hotel abgeholt werden. Bis dahin mache ich einen ausgedehnten Strandspaziergang, lese und setzte mich schließlich mit dem Laptop auf einen abgelegenen Felsen, schaue abwechselnd über das Meer und schreibe weiter am neunten "Sieben-Siegel"-Band. Auf dem Weg hierher sehe ich von weitem Friederike, eine der Schauspielerinnen, die im Sand liegt und Briefe (?) schreibt. Ich sitze auf einem Felsen, nur ein paar Meter von der Brandung entfernt. Allmählich kommt die Flut herein, der Wind wird stärker, die Wellen brechen am Fuß der Steine. Wenn ich nicht achtgebe, sitze ich bald auf meinem Felsen im Wasser fest. Ich bin ziemlich sicher, im Team würde man sich noch ziemlich lange von dem dämlichen Autor erzählen, der von einer Felsspitze im Meer gerettet werden mußte, weil er beim Schreiben nicht auf Ebbe und Flut geachtet hat. Doch kurz bevor sich das Wasser hinter mir schließt, trete ich den Rückzug an und suche mir einen Platz in einem Restaurant an der Promenade, esse etwas und trinke Rotwein. Der Wind wird so stark, daß er mir den Salat vom Teller bläst. Heute wird im Inneren des Schlosses gedreht, mehrere Szenen in einem der Schlafzimmer. Katharina und Anne sind in ihren ersten gemeinsamen Szenen toll, vor allem Anne verkörpert die stumme Janine perfekt. Zwischendurch fällt mir auf, daß unter den Büchern, die als Dekoration im ganzen Schloß verteilt stehen, eine inflationäre Anzahl von Alistair MacLean stammt. Der Ausstatter sagt, ihm sei dies auch aufgefallen, einen besonderen Grund gäbe es dafür aber nicht; zu Deko-Zwecken, erklärt er, würden Bücher zu Kilopreisen von speziellen Firmen gekauft, ohne Angabe der Titel. (Später entdecke ich im Schlafzimmerset der beiden Hauptdarstellerinnen noch eine Abhandlung über Hexerei.) Zwischendurch streift die Nonne durch die Gänge - unter dem Kostüm steckt eine junge Frau vom Beleuchterteam, die zudem ausgebildete Tänzerin ist. Es ist schon spät, Robert muß zähneknirschend eine der wichtigsten Spannungssequenzen verkürzen. Annette Kreft, die Direktorin, trifft erstmals im Schloß ein und übt unter viel Gelächter mit dem elektrischen Rollstuhl, den sie während der meisten Szenen bedienen muß. Offenbar ist das nicht einfach. Ich drehe selbst ein paar Runden um die große Tafel im Speisesaal, dann reicht es mir. Später beim Dreh gibt es noch diverse Probleme mit dem Ding, vor allem paßt es nicht durch die schmalen Türen im Schloß.
Samstag, 03.06.2000: Rückfahrt. Annette Kreft sitzt mit mir im Zug, sie fährt an ihrem freiem Wochenende zu einer Freundin nach St. Malo. Wie erwartet ist sie ganz anders als ihr strenges, böses Alter Ego im Film. Sehr witzig und freundlich. Erst jetzt erfahre ich, daß sie jahrelang bei der "Lindenstraße" mitgespielt hat. Die Rückfahrt ist lang und mühsam, vor allem der übliche Bahnhofwechsel in Paris nervt. Trotzdem: Irgendwann nachts bin ich wieder zu Hause und falle halbtot ins Bett.
Copyright © by Kai Meyer
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