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(Die siebenbändige Hardcover-Reihe KAI MEYERs MYTHENWELT erscheint ab September 2002 im Festa-Verlag. Basierend auf meinem Konzept hat der amerikanische Autor James A. Owen einen Zyklus phantastischer Geschichten geschaffen, die von einem möglichen Ende der Welt erzählen - verursacht nicht durch die üblichen Verdächtigen wie Krieg, Atomkraft oder Meteoriteneinschlag, sondern durch etwas ungleich Faszinierenderes: Die Rückkehr der alten Mythen und ihre schreckliche Macht, die wir heutzutage fast vergessen haben. Der folgende Text ist meine Eileitung zum ersten Band. Ich hoffe sehr, er macht neugierig - die Reihe selbst hat es allemal verdient, daß sie für James Owen und den Herausgeber Frank Festa zu einem großen Erfolg wird. - KM)
EINLEITUNG
zu Mythenwelt Band 1: Die Ewige Bibliothek
"Und unter welchem Pseudonym schreiben Sie?" Diese Frage stellte mir vor rund zehn Jahren ein populärer deutscher Heftroman-Autor, als ich ihm während eines Verlagsbesuchs vorgestellt wurde. Nun mag Meyer nicht der verheißungsvollste aller Name sein, und mir wäre vermutlich einer eingefallen, der poetischer klingt, aber ich hatte durchaus vor, mein erstes Buch unter meinem wahren Namen zu veröffentlichen. Das sagte ich ihm, und erntete dafür einen verständnislosen Blick und ein Kopfschütteln. Freilich muss der Fairness halber festgehalten werden, dass besagter Autor seine Karriere zu einer Zeit begonnen hat, als sich andere Mitglieder der Unterhaltungsbranche Namen wie "Roy Black" gegeben haben.
Ich erwähne das, weil es vor noch gar nicht langer Zeit für deutsche Autoren durchaus üblich war, sich amerikanisch oder britisch klingende Pseudonyme zuzulegen. Was wiederum als Rückschluss dazu führen könnte, dass eine Reihe wie Mythenwelt, die von einem Deutschen konzipiert, jedoch von einem Amerikaner ausgearbeitet und geschrieben wurde, bei manchen Lesern zu Missverständnissen führt. Deshalb, um es gleich vorweg zu nehmen, mein Ehrenwort: "James A. Owen" ist kein Pseudonym. Er ist in den USA geboren und lebt noch immer dort. Die meisten Orte, über die er in diesem und den kommenden sechs Romanen schreibt, hat er nie selbst bereist - einschließlich jener in Deutschland. Als wir uns kennen lernten, wohnte er in einer viktorianischen Villa, die ein Geistlicher im 19. Jahrhundert auf einer abgeschiedenen Insel nördlich von Seattle erbaut hat. Heute lebt er in Arizona und durfte, nebenbei bemerkt, während der Arbeit am fünften Mythenwelt-Band die Fenster nicht öffnen - die Waldbrände, die im Juni und Juli 2002 weite Teile dieses Bundesstaats verwüstet haben, waren so nah an sein Haus herangerückt, dass der Rauch zu einem beträchtlichen Gesundheitsrisiko geworden war.
Vor ein paar Jahren, etwa zu der Zeit, als ich an meinem Roman Loreley arbeitete, sprachen mein damaliger Lektor Reinhard Rohn und ich darüber, einen phantastischen Roman während der Wagner-Festspiele in Bayreuth anzusiedeln - eine Geschichte, in der die Figuren des Nibelungen-Mythos aus den Tiefen des Jungschen Unbewussten emporsteigen und in die Körper ihrer Darsteller fahren. Das entsprechende Buch habe ich nie geschrieben, aber die Idee blieb hängen - etwas daran war faszinierend genug, um sie über die Jahre hinweg nicht beiseite zu legen oder gar zu vergessen. Eine ganze Weile später diskutierte ich mit Frank Festa, dem Verleger dieser Reihe, die Möglichkeit, eine Serie von Romanen zu konzipieren, die von anderen Autoren geschrieben werden sollte. Ich fand das ungeheuer reizvoll, und zwar aus folgendem Grund: Ich sollte meinen Namen auf Bücher schreiben dürfen, ohne dabei die ganze Mühe zu haben, die das Schreiben eines Romans zwangsläufig mit sich bringt - wer eine Vorstellung davon hat, wie schreibfaul die meisten Schriftsteller sind, wird nachvollziehen können, wie verlockend diese Aussicht ist. (Es ist keine neue Beobachtung, dass Autoren sehr viel lieber geschrieben haben, als tatsächlich zu schreiben, und das trifft zu hundert Prozent auch auf mich zu.) Auf den ersten Blick klang die Sache nicht schlecht: Ruhm und Reichtum, ohne selbst einen Handschlag dafür zu tun - Angebote wie diese finde ich viel zu selten in meinem Briefkasten. Bei näherer Überlegung sah die Sache allerdings ein wenig anders aus: Wollte ich denn überhaupt meinen Namen auf einem Buch sehen, das ein anderer geschrieben hat? Es ist schlimm genug, einen Blick in die eigenen Bücher zu werfen und dabei über Sätze zu stolpern, die man heute anders und hoffentlich besser formulieren würde. Viel schlimmer musste es jedoch sein, wenn ein anderer diese Sätze geschrieben hat - und trotzdem der eigene Name darüber steht. Nach einigem Hin und Her sagte ich zu, unter dem Vorbehalt, dass nur dann etwas aus der Sache werden würde, falls wir Autoren fänden, denen ich vorbehaltlos vertrauen könnte. Ich hatte nie vor, jedes Buch exakt zu planen, die Entstehung von A bis Z zu betreuen oder gar das Ganze stilistisch auf eine Linie mit meinen eigenen Romanen zu bringen. Es musste also jemand her, der sehr genau weiß, was er tut - und von dem ich es auch wusste. Um so erstaunlicher, dass dieses Kriterium ausgerechnet ein Autor erfüllen sollte, der mit Mythenwelt seine ersten Romane vorlegt.
James Owen ist einer der talentiertesten Comic-Künstler seiner Generation. Seine Serie Starchild - selbst verfasst und selbst gezeichnet - erscheint seit 1992 in seinem Verlag Coppervale Press, wurde zeitweise aber auch vom Branchenriesen Image vertrieben. Das bizarre Phantastik-Epos im Stil von Washington Irving oder den Mythago Wood-Büchern Robert Holdstocks hat ihm tausende Fans, zahllose euphorische Kritiken und das Lob der namhaftesten Autoren eingebracht: So schrieb etwa Neil Gaiman nicht nur die Einleitung zu einem der Starchild-Sammelbände, er spielt sogar unter dem Namen Little Neil eine regelmäßige Nebenrolle in der Saga um die magische Familie Higgins, die wundersame Taverne Two Penny Inn und das düstere Waldland, in dem sich das Schicksal der Helden erfüllt. Meine erste Begegnung mit Starchild fand durch den Hardcover-Band Awakenings statt, der den ersten Zyklus der Serie sammelt. Ich war so begeistert, dass ich beim Autor einen signierten Druck bestellte, der im hinteren Teil eines Starchild-Heftes beworben wurde. Das Problem war - der Druck kam und kam nicht. Ein Fax, ein Telefongespräch und mehrere Monate später traf er schließlich doch noch ein (das Erscheinen war mehrfach verschoben worden), zusammen mit einem handkolorierten Titelbild-Entwurf, einer Widmung und einer Entschuldigung für die Verzögerung. In einem Fax dankte ich James, versicherte ihm, sich keine Gedanken wegen der Wartezeit machen zu müssen und erwähnte nebenbei, wie sehr ich es bedauerte, ihm im Austausch keines meiner eigenen Bücher schicken zu können - es sei denn, er sei in der Lage, es auf Deutsch lesen. (Wir einigten uns schließlich auf ein französischsprachiges Exemplar, das er zumindest im Ansatz entziffern konnte.) Dann hörten wir lange Zeit nichts mehr voneinander. In einem Katalog entdeckte ich eine Weile später die Ankündigung eines vierfarbigen, hochkalibrigen Kunstmagazins: International Studio, herausgegeben von keinem anderen als James A. Owen. Wie ich später erfuhr, waren von der recht hohen Auflage ganze dreißig Exemplare in den Verkauf gelangt, alle durch jenen Händler, in dessen Katalog ich den Titel entdeckt hatte - alle übrigen Hefte verstauben bis heute aus rechtlichen Gründen in irgendeinem Lagerhaus. Ich erhielt mein Exemplar postwendend, blätterte darin, las hier und da einen Artikel - und kam schließlich zum Impressum. Dort fand ich zu meinem grenzenlosen Erstaunen folgenden Eintrag: "European Correspondent: Kai Meyer".
Wieder einmal schickte ich ein Fax, dieses Mal mit der Bemerkung, wie erstaunt und erfreut ich wäre, zum Korrespondenten eines solchen Magazins aufgestiegen zu sein - dass es allerdings nett gewesen wäre, mich darüber zumindest in Kenntnis zu setzen. Die Antwort kam wenige Minuten später, ein höfliches und ein wenig verdattertes Entschuldigungsschreiben: Der eigentliche Korrespondent sei kurzfristig abgesprungen, und nun habe man einen europäisch klingenden Namen einsetzen wollen. Statt einfach einen zu erfinden, hatte James sich an meinen erinnert und ihn kurzerhand in die freigewordene Zeile des Impressums gesetzt - vermutlich in der Annahme, dass ich es ohnehin nie erfahren würde. Wie hätte er auch ahnen können, dass gerade ich eines jener dreißig ausgelieferten Exemplare in die Hände bekommen sollte? Um den Rest abzukürzen: Seither sind James Owen und ich in regelmäßigem E-Mail-Kontakt, tauschen Meinungen und Ideen aus und haben eigentlich nur darauf gewartet, dass sich die Gelegenheit einer Zusammenarbeit ergeben würde. Als das Projekt Mythenwelt allmählich Gestalt annahm, fragte ich James, ob er Interesse habe, den zweiten Band - der in den USA spielt - zu schreiben. Aufgrund seiner langjährigen Arbeit an Starchild wusste ich, dass er ein Meister ausgefeilter und wirklich lustiger Dialoge ist; zudem hatte er mir einige Zeit zuvor ein paar Dutzend Seiten eines Romanentwurfs geschickt, mit dem er hoffte, auf dem amerikanischen Buchmarkt Fuß zu fassen. Seither wusste ich, wie talentiert und selbstsicher er schreibt. Daher hoffte ich, dass er mein Angebot, Band Zwei zu verfassen, annehmen würde. Seine Antwort war eine Überraschung: Er bot an, die gesamte siebenbändige Reihe zu schreiben. Er wollte, basierend auf meinem groben und nicht besonders geordneten Konzept, den kompletten Handlungsbogen entwerfen, einschließlich der meisten Figuren, Schauplätze und Ereignisse. (Das Vorhaben, alle sieben Bücher durchgehend zu illustrieren, musste er aus Zeitgründen aufgeben.) Das alles ist typisch James: Er weiß sehr genau, was er kann, und überschätzt sich nur selten - wenn doch, dann hat es in der Regel mit den zeitlichen Grenzen zu tun, die er sich setzt. Wenn es überhaupt etwas gibt, das ich an seiner Arbeit auszusetzen habe, dann allerhöchstens die Tatsache, dass er Texte überarbeitet und überarbeitet. Und noch mal überarbeitet. Aber ich bin kein Verleger, daher muss ich mir über Abgabetermine nicht den Kopf zerbrechen.
Während ich diese Einleitung schreibe, liegen die ersten vier Bände von Mythenwelt bereits komplett in meiner Schublade, der fünfte ist so gut wie abgeschlossen, der sechste und siebte sollen in den nächsten Monaten eintrudeln. Nichts von all dem, was in diesen Romanen zu finden ist, habe ich so erwartet - selbst jene Elemente, die von mir stammen, haben durch James' Talent eine Wandlung erfahren, die so kaum abzusehen war. Mythenwelt ist - und das darf ich sagen, obwohl mein Name im Titel steht, denn im Grunde ist das Ganze das Werk von James Owen - die verblüffendste, verrückteste, humorvollste und cleverste Geschichte, der ich seit langem begegnet bin. Wenn Sie den ersten Band, Die ewige Bibliothek, gelesen haben, werden Sie ganz genau wissen, was ich meine. Es läge nahe, all die Einflüsse und Inspirationen aufzuzählen, die ich darin gefunden habe - aber sie beziehen sich auf so unterschiedliche Autoren, Bücher und, ja, Comics, dass es den unvorbereiteten Leser vermutlich eher verwirren als begeistern würde. Nur so viel: Die ewige Bibliothek bewegt sich mit solch ungeheurer Sicherheit auf einem spiegelglatten Terrain zwischen Charles Dickens, Umberto Ecos Focaultschem Pendel und den Visionen des Comic-Altmeisters Jack Kirby, dass einem beim ersten Lesen buchstäblich der Atem stockt. Die Begründung etwa, die James für den Bayreuth-Vorfall und seine Folgen entwickelt hat, ist einer der wahnwitzigsten Weltentwürfe der modernen Phantastik. Und noch mal: Ich darf so etwas behaupten, weil alles, was sie gleich lesen werden, so turmhoch über mein anfängliches Konzept hinausgeht, dass es im Grunde etwas vollkommen Eigenständiges ist. Mittlerweile lese ich diese Bände wie fremde Bücher, unabhängig von meinem Namen auf dem Cover, und das ist vermutlich das größte Kompliment, das ich dem Autor machen kann. Ach ja, und eine Warnung: Erwarten Sie von den nächsten Bänden auf keinen Fall einfach nur mehr von den gleichen Zutaten - Sie könnten eine ziemliche Überraschung erleben. Jedes Buch unterscheidet sich vollkommen von seinen Vorgängern; jedes ist auf seine Weise ein kleiner Geniestreich. Glauben Sie mir oder lassen Sie es bleiben - am Ende, in ein paar Jahren, werden sie gewiss ganz meiner Meinung sein.
Kai Meyer
Juli 2002
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