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Laudatio: Kai Meyer: »Frostfeuer« vorgetragen anlässlich der Verleihung des internationalen Buchpreises »Corine 2005« in der Kategorie »Jugendbuch« Bernd Robker
Vorbemerkung: Anlässlich der Verleihung der »Corine 2005« durfte ich die Laudatio für Kai Meyer halten. Oliver Spiecker, Verantwortlicher für das Gesamtkonzept der Sendung, gab mir einige Ideen für den Text. Verbunden mit Informationen aus der Pressemappe des Loewe-Verlages und meinen eigenen Gedanken entstand daraus der folgende erste Entwurf. Durch Überarbeitungen entwickelte sich die prägnantere Fassung, die dann auch in der Sendung zu sehen war. Diese letzte Version war zweifellos professioneller, griffiger, pointierter formuliert und passte damit besser in den festlichen Rahmen der Fernsehgala. Dennoch lese ich noch immer gern die Urfassung, die wir hier mit freundlicher Genehmigung von Herrn Spiecker, dem ZDF und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels veröffentlichen dürfen. -- -- -- -- Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren! Kai Meyers neuestes Buch »Frostfeuer« konnte die für den Bereich »Kinder- und Jugendbuch« zuständige Jury des internationalen Buchpreises »Corine 2005« überzeugen. Ich selbst durfte ihn im Jahr 2002 kennen lernen, auf einem Treffen von Freunden der fantastischen Literatur in Köln. Mehr noch als der Autor ist mir dabei der Mensch Kai Meyer in Erinnerung geblieben. Vor etwa 100 Zuhörern berichtete er vom Schreiben allgemein, seinem beruflichen Werdegang und seinem Buch »die fließende Königin«, dem ersten Teil seiner »Merle-Trilogie«, die schon damals ein großer Erfolg war. Die Antworten Meyers waren dabei so ausführlich, dass der Moderator ins Schwitzen kam, war er doch an die im Programmheft abgedruckten Zeiten gebunden. Einer der Veranstalter berichtete mir später, dass Meyer gegen Erstattung der Reisekosten sein Wochenende geopfert hatte, um mit seinen Lesern in Kontakt zu kommen. Dieser Enthusiasmus kam auch in seinen umfassenden Antworten zum Ausdruck: Meyer wollte sicher gehen, dass alle Fragen, die dem Publikum und dem Moderator am Herzen lagen, in der Tiefe beantwortet wurden. Einen Beleg dieser intensiven Verbundenheit des Autors mit seinen Lesern kann jeder im Internet finden, wo Meyer auf seiner Webseite nicht nur mehrmals wöchentlich von den Höhen und Tiefen seines Autorenalltags berichtet, sondern auch im Forum aktiv über die Eindrücke zu seinen Büchern mit diskutiert. Kai Meyer ist einer jener Autoren, die »einer von uns« geblieben sind, die sich in Mitten von Lesern am wohlsten fühlen. Kein Wunder, dass er selbst von seinem Werk sagt: »ich schreibe die Bücher, die ich selbst gern lesen möchte.« Dieser Satz verdeutlicht wohl am besten den Übergang vom geerdeten, bescheidenen Menschen Kai Meyer zu dem facettenreichen, von überbordender Fantasie geprägten Werk. Hier erweist sich Meyer als Allrounder, der im Bereich von Drehbüchern und Jugendbüchern ebenso zu brillieren weiß wie bei den historischen Schauerromanen, die ich im Himalaja lesen durfte. Hierzu noch ein Detail, das belegt, wie sehr sich der Autor auch nach dem großen Erfolg und der Übersetzung seiner Werke in 20 Sprachen zurücknimmt: am Ende der Bücher findet sich eine kurze Erläuterung dazu, welche Elemente der Handlung historisch belegt und welche der Fantasie des Autors entsprungen sind. Etwas, was man als Leser selten findet: hier ist niemand, der einen mit seinen Fantasiegebilden blenden möchte, im Gegenteil: hier geht es darum, die Augen für eine neue Sicht zu öffnen. Dazu trägt die klare Abgrenzung zwischen gesichertem Wissen einerseits und Traum und Mythos andererseits bei. Diese drei Begriffe könnten auch als Überschrift für das Gesamtwerk gelten. Der Autor selbst sagt, sich auf die menschliche Entwicklungsgeschichte beziehend: »Wissen, Traum und Mythos waren ... die absoluten, lebensbestimmenden Ebenen der Existenz, zigtausende von Jahren lang. ... Mein Schreiben führt mich zurück zu Traum und Mythos ...« Meyer begreift Wissen, Traum und Mythos als unverzichtbare Elemente menschlichen Seins. Der Wert des Wissens - »wie ist die Welt?« - ist unbestritten und die Grundlage unserer Zivilisation. Ohne die beiden anderen Komponenten aber drohen wir zu veröden. Träume sind wichtig für jeden Einzelnen, aber auch für die gesamte Gesellschaft: »wie könnte es sein?«, die Beantwortung dieser Frage setzt die Fähigkeit zum Träumen voraus. »Wie sollte es sein?«, oder auch: »wie sollte es auf keinen Fall sein?«, die Antworten darauf lassen sich nur in den Weltbildern finden, die tief in unseren Mythen verwurzelt sind. In dieser Hinsicht ist Europa vielleicht der Kontinent, in dem es die größten Schätze zu heben gibt, sicherlich auch der Ort, dessen Traditionen uns am meisten sagen können. Ich weiß, wovon ich spreche, las ich doch im Himalaja Kai Meyers Worte vom Wind, der merkwürdige Berge toten Herbstlaubes durch die Straßen des westfälischen Düren weht, oder von Alchimisten, die auf einem sturmumtosten Schloss in der Ostsee ihren Studien nachgehen. Nach über einem halben Jahr auf Reisen roch ich zwischen den Seiten meines ramponierten Buches so etwas wie »Heimat«. Kai Meyer nimmt Träume ernst. Dies zeigt sich auch und gerade in seinen Jugendbüchern. Wer Träume ernst nimmt, der nimmt auch die Jugend ernst, und der jugendliche Leser wird bei Meyer respektiert. Man kann auch sagen: dem jugendlichen Leser wird eine Menge zugemutet. Kai Meyer bewegt sich fern von abgegriffenen Motiven und eingetretenen Handlungspfaden. Seine jungen Hauptfiguren finden sich mit Herausforderungen konfrontiert, bei denen vorgefertigte Antworten nicht zur Hand sind. Sie müssen sich in komplexen Situationen entscheiden und dabei Position zu grundlegenden Fragestellungen beziehen, über die nachzudenken auch erwachsene Leser ab und an die Zeit finden sollten: Freundschaft, Ehrlichkeit, Identität. Dabei hütet sich der Autor, Königswege aufzuzeigen. Ob die Entscheidung zwischen der fanatischen Zauberin Tamsin Spellwell und der entrückten Schneekönigin, die Maus in »Frostfeuer« trifft, die richtige ist, muss jeder für sich bestimmen, über das Schicksal des Rentierjungen Erlen darf man auch dann noch nachdenken, wenn man die Buchdeckel zugeklappt hat. All dies spielt sich in einer Atmosphäre ab, in der der Glanz der Vergangenheit in den zauberischen Schein märchenhafter Erzählungen übergeht: Die Figur des Kukuschka etwa geht dem Beruf des »Eintänzers« nach, führt also die weiblichen Gäste eines Nobelhotels auf das Parkett, bis sich geeignetere Tanzpartner finden. Dies ist ein typisches, zudem exotisches Detail, das uns die Logik der Romanwelt erschließt. Der Zauber der Erzählung kristallisiert sich in der Besucherin, die in der Zarensuite Quartier genommen hat: der Schneekönigin, die aus dem Land kommt, in dem Nacht und Norden enden, wo Stein und Eis zu Ewigkeit verschmelzen. Kai Meyer sagt uns nicht: »so müsst ihr die Welt sehen.« Unaufdringlich bietet er uns eine neue, eine verzauberte Sicht an, verleitet uns zum Träumen über ein St. Petersburg, wie es nie gewesen ist nicht in der Welt des Wissens, wie es aber hätte sein können, wenn man den Mut aufbringt, zusätzlich die Träume und Mythen zu sehen. Kai Meyers Bücher, das sind nicht nur die in Papier und Druckerschwärze kondensierten Träume des Autors, das sind auch Tore zu unseren eigenen Träumen, für Jugendliche und auch für Erwachsene, die ein wenig vergessen haben, wie es geht. Ich wünsche Kai Meyer, dass ihn die Neugier auf Wissen, Träume und Mythen niemals verlassen möge. Dies ist auch ein egoistischer Wunsch, denn falls er sich erfüllt, können wir sicher sein, dass wir immer wieder Bücher in den Regalen finden werden, die uns verzaubern. Meine sehr verehrten Damen, meine sehr geehrten Herren, besser als ich wird Ihnen der Autor selbst die Außergewöhnlichkeit von »Frostfeuer« vermitteln können. Daher ist es mir eine große Freude, sie einzuladen, einigen Worten aus Kai Meyers »Frostfeuer« zu lauschen, denen Clara, die Gewinnerin des diesjährigen Lesewettbewerbes in Bayern, ihre Stimme leihen wird. |