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(Im Herbst 2002 erscheint im Heyne Verlag als gebundene Ausgabe DAS ZWEITE GESICHT Prolog Berlin, 1923 Das Leben erwachte in ihr wie eine Gestalt im Lichtstrahl eines Filmprojektors. Und wie die Menschen auf der Leinwand, eben noch ungeboren, ohne Stimme und ohne Vergangenheit, so fühlte auch sie sich in diesem Moment, konturlos und nur von einem Gedanken bestimmt: Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Sie fragte sich, warum ihr Haar jetzt blond war. War sie nicht immer dunkelhaarig gewesen? Natürlich, dunkelbraun, die Farbe reifer Kastanien; aber sie hatte sich abgewöhnt, es kastanienbraun zu nennen, denn aus irgendeinem Grund glaubten alle, das bedeute Rot. Sie lag auf dem Boden, und ihre Wange ruhte inmitten der Flut ihres Haars auf kaltem Linoleum. Erst als sie den Kopf langsam hob wurde ihr bewußt, wie weh er tat. Ihr war schwindelig. Da war noch etwas, an das sie sich erinnerte. Ihr Name. Chiara Mondschein. Zum ersten Mal nahm sie ihn wahr, wie ein Fremder ihn wahrgenommen hätte, und sie wunderte sich, wie extravagant er klang. Chiara Mondschein. Kein schlechter Name. Sie setzte sich auf, von einer erneuten Schwindelattacke geplagt, und blickte sich in dem Raum um. Sie wußte nicht, wie sie hierher gekommen war. Was vorher geschehen war. Und wer ihr Haar blond gefärbt hatte. Oder hatte sie selbst das getan? Es war nicht einmal ein hübsches Blond, kein Gedanke an Gold, eher weiß und ziemlich spröde. Als hätte es sehr schnell gehen müssen. Die Wände des Raumes waren kahl wie eine Zelle. Es gab keine Fenster, nur eine einzige Tür, und die war geschlossen wie es Zellentüren so an sich haben. Chiara spürte, daß der kalte Luftzug, der sie geweckt hatte, durch den Spalt unter der Tür herein wehte, über das Linoleum strich und irgendwann ihre Hände erreichte, auf die sie sich immer noch stützten mußte, um nicht wieder nach hinten zu fallen. Durch das Schlüsselloch sah sie Licht, es war heller dort draußen als hier bei ihr im Zimmer. An der Decke dämmerte eine Lampe; ihr Schirm hatte das Weiß eines Brautkleids, das durch zu viele Hände gewandert war. Und an noch etwas erinnerte sie dieses Grau, das Weiß sein wollte: an die Leinwände schmuddeliger Vorstadtkinos, Welten entfernt vom Glanz der großen Filmpaläste. Der Gedanke daran hatte etwas Beruhigendes. Ihre Vergangenheit war nicht vollkommen ausgelöscht, sie konnte Teile davon spüren wie etwas, das sich um Haaresbreite außerhalb ihrer Reichweite befand. Vielleicht verspürte sie deshalb keine Panik. Unruhe, gewiß, aber keine Panik. Womöglich war sie auch immer noch viel zu benommen. Wenn die Leere in ihrem Gedächtnis sie nicht in den Wahnsinn trieb, dann sicherlich der Kopfschmerz. Sie rappelte sich hoch, gegen besseres Wissen. Sie fühlte, wie ihre Knie einknickten, spürte aber nicht mehr den Schmerz, als sie am Boden aufschlug. Als sie erneut die Augen öffnete, war sie nicht mehr allein im Zimmer. Jemand hatte sie an den Schultern gepackt und schüttelte sie. Ihre Wange brannte. Was direkt vor ihr war, sah sie nur unscharf, verschwommen. Nur das Entfernte war klar, die offene Tür und der leere Korridor dahinter. Ihre Augen ahmten ihre Erinnerung nach: Das Ferne war erkennbar, aber das, was hätte nah sein müssen, die jüngste Vergangenheit, war zu Nebel zerfasert. "Chiara!" Die Stimme eines Mannes. "Chiara, wir haben keine Zeit. Wir müssen von hier verschwinden!" Sie blinzelte, löste schwerfällig ihren Blick von der offenen Tür und versuchte, den Mann anzusehen. Aber er war nur eine Silhouette, jemand, der über sie gebeugt war und jetzt an ihr zerrte. "Wer sind Sie?" Dabei hätte die Frage doch lauten müssen: Wer bin ich? Er verharrte einen Moment, als hätte sie den Gedanken tatsächlich ausgesprochen. Ohne sein Gesicht zu sehen, spürte sie seine Verwirrung. Und dann seine Wut. "Ich hab das befürchtet. Verdammt nochmal!" Der Boden sackte unter ihr fort, und dann war da nur noch der Mann, der sie hielt, und sie stand wieder auf ihren Füßen, schwankend zwar, aber nicht mehr in Gefahr, abermals zusammenzubrechen. Hinaus aus der Tür, den hellen Korridor hinunter. "Sie erinnern sich an gar nichts, oder?" Sie bewegte die Lippen, und irgendetwas mußte wohl zu hören gewesen sein, obwohl sie selbst sich nicht an ihre eigenen Worte erinnern konnte. Der Mann erwiderte etwas, aber auch das drang nicht zu ihr durch. Aus der Helligkeit neben ihr schälten sich Körper mit schlingernden Armen und verzerrten Schädeln, wuchsen mal in die Höhe, mal in die Breite, schienen nach ihr zu tasten, ohne sie je zu berühren. Erst nach einer Weile erkannte Chiara, daß es ihre Schatten an den Wänden waren. "Wo sind wir?" Das war ihre eigene Stimme. Meine Stimme. "Noch lange nicht in Sicherheit." Sie sah ihn jetzt ein wenig deutlicher, obwohl er noch immer so schrecklich nah bei ihr war, sein Gesicht gleich neben dem ihren, den Arm stützend um ihren Oberkörper gelegt. Er trug einen Mantel und war unrasiert, sein Haar klebte wirr an den Schläfen. Sie fragte sich, ob er so schwitzte wegen etwas, das er getan hatte, um sie hier rauszuholen. Das er für sie getan hatte. Und sie kannte nicht einmal seinen Namen. "Vorsicht!" Dann riß er sie auch schon beiseite, bevor sie über das helle Bündel am Boden stolpern konnte. "Das war ein Mensch", flüsterte sie kraftlos. "Ja." "Haben Sie ihn getötet?" Wie selbstverständlich das klang, wie etwas, das sie auswendig gelernt hatte! Das hatte sie wohl oft getan, Worte auswendig gelernt. "Sie ist nicht tot", sagte er nach einem Augenblick, der ihr ewig erschien. Also war es eine Frau. Eine Frau in heller Kleidung, die auf einem Korridor im Nirgendwo lag. Alles war so irreal, wie der Weg durch eine Filmkulisse, alles nur aufgemalt, nur Pappmache. Der Mann schob sie durch eine Öffnung. "Das ist keine Tür", sagte sie benommen. "Nein. Natürlich nicht." Sie mußte klettern, über einen Mauervorsprung. "Ein Fenster", flüsterte sie. "Ganz richtig. Halten Sie sich fest ... ja, genau so." Unter ihren Füßen schepperte es metallisch. Eine Feuerleiter. All diese Stufen hinunter, im Zickzack an einer Hauswand entlang. Ihr war jetzt kalt, und es war dunkel. Der Himmel über ihnen war pechschwarz, sie sah deutlich ein paar Sterne. Sie konnte den Großen Wagen erkennen, aber noch immer nicht das Gesicht des Mannes neben ihr. Sie fror ganz erbärmlich, aber das lag nicht nur an der Witterung; sie fror vor Müdigkeit, vor Schwäche. Sie wollte schlafen, endlich wieder schlafen. Er hatte kein Recht, sie durch diese Kälte zu zerren und zu schieben. "Ich bin Chiara Mondschein", sagte sie, weil es ihr gerade wieder einfiel. Er sagte nichts. "Mondschein", wiederholte sie. "Ja." "Kenne ich Sie?" "Ja." "Woher?" "Das erklär´ ich Ihnen später. Bis dahin ist es Ihnen vielleicht selbst schon wieder eingefallen." Er drängte sie vor sich die Treppe hinunter, und sie wagte nicht, stehenzubleiben, um einen Blick zurück in sein Gesicht zu werfen. Lief einfach weiter, bis er sie abermals warnte, an der Schulter zurückhielt und dann langsamer von der letzten Stufe auf harten Steinboden führte. "Wir sind unten", sagte er. "Laufen Sie nach links." Sie hatte keine Ahnung, was mit ihr geschehen war, aber sie erinnerte sich sehr wohl, wo links war. Sie lief los, wie er es verlangt hatte, um sie herum nichts als Dunkelheit, und als sie auch darin Gestalten zu sehen glaubte, wurde ihr schlagartig bewußt, daß dies nicht mehr ihre Schatten sein konnten: Ohne Licht keine Schatten. Kolossale Gestalten, die sie beobachteten, lang und dürr und verdreht, mit Gliedern wie aus Ästen. Kreidehände, Kreidefinger; Kinder hatten sie an die Wände gemalt. Es mußten Kinder gewesen sein, auch wenn all diesen Figuren etwas Wildes, etwas Heidnisches anhaftete. Um eine Ecke, eine Straße entlang, jetzt wieder Lichter. Leere Schaufenster, die darauf zu warten schienen, daß jemand von draußen hereintrat und sich zum Verkauf anbot. In einem eine einzelne Schaufensterpuppe, die zum Leben erwachte, als Chiara vorüber lief - nur ihr eigenes Spiegelbild. An das blonde Haar mußte sie sich erst gewöhnen. Besser noch, es dunkel färben. So schnell wie möglich wieder sie selbst sein. Der Mann war zurückgeblieben, aber als sie sich jetzt nach ihm umschaute und dabei für eine Sekunde langsamer wurde, prallte er gegen sie, und fast wären beide gestürzt. Die Lichtreflexe auf dem Kopfsteinpflaster sprangen ihr entgegen, dann riß der Mann sie erneut zurück und hielt sie auf den Beinen. "Ihren Namen", brachte sie atemlos hervor. "Sager." "Sollte ich mich ... daran erinnern?" "Konrad Sager. Nein, sie kennen meinen Namen nicht." "Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr mich das beruhigt." "Zumindest erinnern Sie sich an Ihren eigenen." Sie hätte bitter aufgelacht, hätte sie die Luft dazu gehabt. "Das hier ist nicht Meißen, nicht wahr?" "Meißen? Wie kommen Sie darauf?" Er schob sie um eine weitere Biegung, und die Lichter blieben zurück. "Da komme ich her." "Ja, stimmt, das hab ich gelesen." Gelesen? Hatte jemand eine Akte über sie angelegt? Buch geführt über ihr Leben? Welches Leben? "Wo laufen wir hin? Was soll das alles?" Er blieb stehen und hielt sie mit einem Ruck fest. Ihre Bewegungen waren immer noch automatisch wie die einer Maschine. Es war nicht gut, sie aus dem Takt zu bringen. "Hören Sie", sagte er scharf, "ich werde Ihnen erklären, was Sie wissen müssen. Aber nicht jetzt und nicht hier. Jemand wird merken, daß Sie fort sind, vermutlich gerade in diesem Moment. Und ich werde Sie kein zweites Mal retten." Damit trieb er sie weiter, und jetzt sagte sie nichts mehr. Endlich hatte sie sein Gesicht gesehen, nur im Halbdunkel und immer noch ein wenig unscharf, aber sie wußte jetzt, wie er aussah. Nicht daß sie ihn erkannte, aber das machte nichts - sie erkannte ja nicht einmal sich selbst. All das hier geschah mit ihr, aber irgendwie geschah es auch mit einer anderen. Als wäre sie ihre eigene Doppelgängerin. Immer wieder schaute er sich um, suchte nach Verfolgern. Einmal wich er einer Ansammlung düsterer Gestalten aus, die einzigen Menschen, denen sie während ihrer Flucht über den Weg liefen. Sie kauerten um einen Blecheimer, aus dem ein paar magere Flammen schlugen. Einer von ihnen fütterte das Feuer mit etwas, das wie abgeschlagene Hände aussah. Oder wie Wurzeln. Sie rannten durch einen kleinen Park, ein ungepflegtes Dickicht an einer Straßenecke. Die Baumkronen rauschten über ihren Köpfen vorüber wie erstarrte Explosionen aus Holz. Zu guter Letzt scheuchte er sie durch einen Hauseingang, Treppen hinauf und an einer unbeleuchteten Rezeption vorbei. Eines dieser Etagenhotels; sie hatte selbst einmal in einem gewohnt. Diese Stadt ... Sie war ganz nahe daran, sich an den Namen zu erinnern. In einem Zimmer sank sie in einen Sessel, während Sager zweimal den Schlüssel im Schloß umdrehte. Etwas fiel aus ihrer Tasche, ein Stück Papier. Sie war froh, daß es auf der Sesselkante liegenblieb, denn sie hätte nicht die Kraft aufgebracht, sich vorzubeugen und es vom Boden aufzuheben. So aber konnte sie es nehmen und auseinanderfalten. Festes Papier, ziemlich hart. Nicht dazu gedacht, gefaltet zu werden. Erst nach einem Augenblick ergaben die Buchstaben einen Sinn, formierten sich zu Worten wie ein Haufen kleiner Nägel, die jemand rasch in eine Reihe hämmert. Es war eine Einladung zu einer Galapremiere. Der Titel des Films sagte ihr nichts, wohl aber einer der Stars des Abends. Darunter war das Filmplakat abgedruckt, mit zwei gezeichneten Gesichtern im Halbschatten. Eines war ihr Gesicht. Ihr Name. Chiara Mondschein. Aber das war Unfug! Nicht sie war die Schauspielerin, sondern ihre Schwester ... Ja, sie erinnerte sich. Jula war nach Berlin gegangen, um Schauspielerin zu werden. Jula war fünf Jahre älter als sie. Berlin. Dies war Berlin. Und Chiara war hergekommen, um ... - ja, warum eigentlich? Sager hatte sich ihr gegenüber auf der Bettkante niedergelassen. Sein Atem rasselte. Aus irgendeinem Grund hatte er eine Hand unter sein Hemd geschoben und kratzte sich mit hektischen Bewegungen am Oberkörper, kratzte wie ein Wahnsinniger seine Brust. Seine Fingernägel verursachten ein scharfes Rascheln, ein penetrantes Vor und Zurück, so rauh, als zerfetzten sie unter dem Stoff ganze Schichten von Pergament. Dabei ließ er Chiara nicht aus den Augen, kratzte und starrte, kratzte und starrte sie an. "Sie erinnern sich allmählich, stimmt´s?" "Nicht an Sie." "Aber an das Gesicht auf der Einladung." "Darauf habe ich dunkles Haar." Er lächelte, ohne mit dem Kratzen aufzuhören. Ganz kurz glaubte sie, ein Aufglimmen von Schmerz in seinen Augen zu sehen. Sie schätzte ihn auf Anfang Vierzig, fast zwei Jahrzehnte älter als sie selbst. Sie war vierundzwanzig. Oder war es gewesen, als sie Meißen verlassen hatte. "Sie sind nach Berlin gekommen, um Ihre Schwester zu beerdigen", sagte er unvermittelt. "Jula ist tot?" Eine Frage und zugleich eine Feststellung. Jetzt, wo er es sagt, war es keine Überraschung mehr. Jula war gestorben, sie erinnerte sich. Selbstmord, hatte es geheißen. Ein Cocktail aus Kokain, Morphium, Heroin und Alkohol. Todsicher, wenn die Mischung stimmt. Und Jula kannte sich aus. "Was ist passiert?" Sie ließ die Hand mit der Einladung sinken. Samstag abend, stand darauf. Und ein Datum. "Bin ich ... ich weiß nicht, überfallen worden?" Er hörte nicht auf, sich zu kratzen. Das Geräusch erschien ihr jetzt lauter als seine Stimme. "Julas Beerdigung liegt fast ein Jahr zurück." "Ein Jahr!" "Liebe Güte, Sie erinnern sich wirklich an nichts!" Dabei hatte sie geglaubt, sie erinnere sich schon wieder an eine ganze Menge. Aber fast ein Jahr! Sagers dunkle Augen musterten sie ohne Unterlaß. Er war fast einen Kopf größer als sie, aber weil sie im Sessel saß und er auf der weichen Matratze überragte sie ihn um eine Handbreit. Er hatte noch immer seinen Mantel an, ein fleckiges, zerschlissenes Ding, das niemals modern, gewiß aber sauber gewesen war. Wer weiß, wie lange das her war. "Ich nenne Ihnen ein paar Namen. Vielleicht erinnern Sie sich dann an mehr." Sie nickte. Angesichts der Wildheit, mit der er seine Brust kratzte, würde er bald auf die rohen Rippen stoßen. Die Laute klangen jetzt wie das Ritsch-Ratsch scharfer Messerklingen. "Elohim von Fürstenberg", begann er. Sie wedelte kraftlos mit dem Stück Papier. "Der zweite Name auf der Einladung. Aber sonst ... nein." Sie schüttelte den Kopf. "Ursi van der Heden. Torben Grapow." Nein, dachte sie. Oder? "Keiner von denen?" Sie ließ sich Zeit, die Namen einsickern zu lassen. Im ersten Moment prallten sie unerkannt von ihr ab, aber dann, ganz allmählich, stellte sich etwas wie eine vage Vertrautheit ein. "Felix Masken", sagte er mit Nachdruck. "Sie müssen sich an Masken erinnern." Die Bilder übermannten sie wie eine Flut. Sager beugte sich vor. "Das ist es, nicht wahr?" Ja, dachte sie, ich erinnere mich. Er zog die Hand unter dem Hemd hervor und betrachte emotionslos seine Finger. Masken, dachte sie noch einmal und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sagers Fingernägel glänzten, Halbmonde aus frischem Blut. Copyright © 2002 by Kai Meyer |